Bemessung der Dachrinne (Nenngröße NG) und des Fallrohrs (DN) nach DIN EN 12056-3 und DIN 1986-100 — mit PLZ-basierter Bemessungsregenspende KOSTRA-DWD-2020, Spitzenabflussbeiwert je Eindeckung und Notüberlauf-Nachweis für Flachdächer.
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PLZ-Cluster KOSTRA-DWD-2020 (12 Leitregionen)
| Leit-PLZ | Region | r(5,5) | r(5,100) |
|---|---|---|---|
| 0xxxx | Sachsen / S-Anhalt / Thüringen | 290 | 510 |
| 1xxxx | Berlin / Brandenburg / MV | 320 | 580 |
| 2xxxx | Hamburg / SH / Nieders.-Nord | 270 | 470 |
| 3xxxx | Niedersachsen-Süd / Nordhessen | 280 | 490 |
| 4xxxx | Nordrhein-Westfalen | 310 | 540 |
| 5xxxx | Rheinland-Pfalz / Saarland | 290 | 510 |
| 6xxxx | Hessen / Untermain / Rhein-Neckar | 320 | 560 |
| 7xxxx | Baden-Württemberg | 350 | 620 |
| 8xxxx | Bayern Süd / Allgäu / Alpenvorland | 380 | 680 |
| 9xxxx | Nordbayern / Franken / Oberpfalz | 300 | 530 |
Werte sind Cluster-Mittel je Leitregion (PLZ-Anfang). Innerhalb des Clusters ±15 % möglich. Für PLZ-genaue Bemessung: Originalabfrage openko.de (frei verfügbarer KOSTRA-DWD-2020-Datensatz als PDF-Tabelle pro Rasterfeld).
NG / DN-Stufen DIN EN 12056-3 (Halbrund, Halbfüllung)
| NG (Halbrundrinne) | Querschnitt cm² | Qmax l/s |
|---|---|---|
| NG 100 | 50 | 0,78 |
| NG 125 | 78 | 1,46 |
| NG 150 | 113 | 2,34 |
| NG 200 | 200 | 4,85 |
| NG 250 | 314 | 8,56 |
| NG 280 | 393 | 10,78 |
| DN (Fallrohr) | Innenfläche cm² | Qmax l/s |
|---|---|---|
| DN 50 | 19,6 | 0,7 |
| DN 63 | 31,2 | 1,3 |
| DN 80 | 50,3 | 2,5 |
| DN 100 | 78,5 | 4,5 |
| DN 120 | 113,1 | 7,0 |
| DN 150 | 176,7 | 12,0 |
Qmax Halbrundrinne nach DIN EN 12056-3 Tab. 7 (α=1,0 Halbkreis, 1 Außeneckablauf, freier Anlauf ≤10 m). Fallrohr nach Tab. 8 (h/d ≤ 0,33).
Dachrinne und Fallrohr richtig bemessen — was die Norm verlangt
Die Bemessung der Dachentwässerung folgt zwei verzahnten Normen: DIN EN 12056-3:2001-01 (Schwerkraftentwässerung außerhalb des Gebäudes — also Vorhang-Rinne und Außen-Fallrohr) und DIN 1986-100:2016-12 (innen liegende Entwässerung, Bemessungsregenspende, Notüberlauf-Pflicht). Seit 01.01.2023 ist KOSTRA-DWD-2020 der verbindliche Datensatz für die Regenspende r(D,T) — der Vorgänger KOSTRA-DWD-2010 darf für Neuplanungen nicht mehr herangezogen werden.
Worked Example: EFH 80 m² in München
Einfamilienhaus mit 80 m² Dachgrundfläche, Satteldach 30°, München (PLZ 80331), 1 Fallrohr, Ziegeldach.
- K-Faktor bei α=30°: K = 1,1 (DIN EN 12056-3 Tab. 3, Stufe 11–30°).
- Wirksame Dachfläche Aw = 80 × 1,1 = 88 m².
- KOSTRA-Cluster 8 (Bayern Süd / Alpenvorland): r(5,5) ≈ 380 l/(s·ha), r(5,100) ≈ 680 l/(s·ha).
- Spitzenabflussbeiwert C = 1,0 (Ziegel/Schiefer/Metall ≥3°, DIN 1986-100 Tab. 9). Sicherheitsbeiwert SF = 1,0 (Standard-Wohngebäude).
- Bemessungs-Volumenstrom Q = r(5,5) · C · Aw / 10 000 · SF = 380 · 1,0 · 88 / 10 000 · 1,0 = 3,34 l/s.
- Rinnen-Wahl: kleinste NG-Stufe mit Qmax ≥ 3,34 l/s → NG 200 (Qmax ≈ 4,85 l/s, Reserve 31 %). NG 150 wäre mit 2,34 l/s zu klein.
- Fallrohr: bei 1 Fallrohr QFR = 3,34 l/s → DN 100 (Qmax ≈ 4,5 l/s, Reserve 26 %). Bei 2 Fallrohren reicht DN 80.
K-Faktor wirksame Dachfläche — diskrete Stufen, kein cos α
Verbreiteter Mythos: Aw = Aproj / cos α oder Aw = Aproj · (cos α + 0,3 · sin α). Beides ist nicht DIN-konform. DIN EN 12056-3 Tab. 3 schreibt diskrete Stufen vor:
| Dachneigung α | K |
|---|---|
| 0–10° | 1,0 |
| 11–30° | 1,1 |
| 31–45° | 1,2 |
| > 45° | 1,3 |
Die Stufung berücksichtigt nicht nur die geometrische Vergrößerung der Dachfläche, sondern auch die Wirkung von Wind-Schlagregen auf steile Flächen. Bei extremem Wind und Höhenlage verlangt §4.3 zusätzlich, dass 50 % der Fassadenfläche auf die wirksame Dachfläche addiert werden.
KOSTRA-DWD-2020 Cluster — schnell statt PLZ-genau
Der KOSTRA-DWD-2020-Datensatz liefert pro 5×5 km Rasterfeld jeweils r(5,5) und r(5,100). Für eine schnelle Vorbemessung reicht das PLZ-Leitregion-Cluster (erste Ziffer der PLZ). Konkrete Beispielwerte aus dem aktuellen Datensatz:
- Berlin (PLZ 1xxxx)
- r(5,5) ≈ 320, r(5,100) ≈ 580 l/(s·ha) — typische Werte des Cluster-Mittels (DIN 1986-100 Anhang A: Berlin 331 / 582)
- Hamburg (PLZ 2xxxx)
- r(5,5) ≈ 270, r(5,100) ≈ 470 l/(s·ha)
- München (PLZ 8xxxx)
- r(5,5) ≈ 380, r(5,100) ≈ 680 l/(s·ha) — höchste Werte wegen Alpenvorland-Stauregen
Für eine PLZ-genaue Endbemessung empfiehlt sich der Originalabruf bei openko.de (frei verfügbarer KOSTRA-DWD-2020-Datensatz als PDF-Tabelle pro Rasterfeld) oder das DWA-Datentool. Die Cluster-Mittel haben innerhalb der Leitregion eine Streuung von ±15 %.
Notüberlauf — Pflicht für jedes Flachdach
DIN 1986-100 §14.2.6 fordert für jeden Tiefpunkt eines Flachdaches eine Notentwässerung, die das 100-Jahres-Ereignis r(5,100) abführen kann. Der erforderliche Notüberlauf-Volumenstrom ergibt sich als Differenz zwischen 100-Jahres-Lastfall und der Regelbemessung:
QNot = (r(5,100) − r(5,5) · C) · Aw / 10 000 [l/s]
Das Notentwässerungsrohr darf nicht an die Hauptentwässerung angeschlossen werden. Es muss frei auf das Grundstück oder auf eine versickerungsfähige Fläche entwässern, sodass auch bei verstopfter Hauptentwässerung kein Wasser auf dem Dach steht. Für Steildächer ab 3° gilt die Notüberlauf-Pflicht nicht — das Wasser kann seitlich abfließen.
Sicherheitsbeiwert 1,0 oder 1,5?
DIN 1986-100 unterscheidet zwei Bemessungssituationen:
- SF = 1,0 — Standard für Wohngebäude, Bürogebäude, Industriehallen ohne empfindliche Innenraum-Lagerung. Hier reicht r(5,5) als Bemessungsregen.
- SF = 1,5 — bei Gebäuden mit erhöhtem Schadenpotenzial: Krankenhäuser, Datenzentren, Archive, Museen, Lagerräume mit nicht überflutbar gelagerten Gütern.
Der oft zitierte „Sicherheitszuschlag von 100 %/200 %“ ist kein DIN-Term und vermischt Sicherheitsbeiwert (Multiplikator auf Q) mit Reserve-Prozenten der gewählten Nenngröße (NG-Qmax ist meist 20–40 % über der berechneten Q).
Häufige Irrtümer in der Praxis
- „Mindestgefälle 1 ‰ heißt horizontal.“ Falsch — 1 ‰ bedeutet 1 mm pro 1 m → 1 cm pro 10 m Rinne. „Sieht horizontal aus“ reicht nicht (DIN EN 12056-3 §6.3).
- „r(5,5,100) ist ein Wert.“ Falsch — r(5,5) (Regelbemessung) und r(5,100) (Notüberlauf) sind separate Eingangsgrößen.
- „Notüberlauf nur bei großen Flachdächern.“ Falsch — die §14.2.6 gilt für jeden Tiefpunkt, auch bei 20 m² Garage.
- „C = 1,0 immer ausreichend.“ Bei Gründach (extensiv 0,5, intensiv 0,3) und Kies-Flachdach (0,8) wird der Volumenstrom kleiner — die Rinne kann kleiner gewählt werden, dafür kommt Notüberlauf-Pflicht hinzu.
- „Eine Faustregel-Tabelle ‚NG 125 reicht für 80 m²‘ funktioniert immer.“ Solche Tabellen ignorieren PLZ-Regenspende. In München (r(5,5)=380) reicht NG 125 nur für ~38 m² Sattel-30°, in Hamburg (270) für ~54 m².
- „87°-Bogen am Fallrohr ist DIN-konform.“ Falsch — DIN EN 12056-3 verlangt am Übergang Rinne→Fallrohr einen Stutzen mit max. 70° Anschluss-Winkel; der scharfe 87°-Bogen reduziert den effektiven Qmax um 10–15 %.
Verwandte Dach- und Bauphysik-Rechner
Wer die Dachentwässerung plant, braucht oft auch die Schneelast nach DIN EN 1991-1-3 für die Statik der Dachkonstruktion und die Dachflächen-Berechnung für die Bemessung der Eindeckungsmenge. Wenn die Regenrinne Teil einer Komplettsanierung ist, lohnt zusätzlich der Blick auf den Heizlast-Überschlag, denn ein neues Dach mit verbesserter Dämmung verändert die Heizlast spürbar.